Feb23

Beim Phänomen Naturkatastrophe treffen Natur und Mensch aufeinander, denn erst wenn sich ein Naturereignis in einem gesellschaftlich genutzten Raum abspielt, ergibt sich daraus eine Katastrophe. Dabei sind die Wahrnehmung des Ereignisses durch die Betroffenen und seine Wertung als Katastrophe ausschlaggebend.

Naturgefahren; © Bernd Zeller

Naturgefahren © Bernd Zeller

Im 18. und 19. Jahrhundert häuften sich Naturereignisse mit teils verheerenden Auswirkungen auf Menschen und ihr Hab und Gut. Aber auch im 20. Jahrhundert wurde der Alpenraum mehrmals von Naturkatastrophen heimgesucht.

Der Bergsturz von Goldau vom 2. September 1806 war eine Naturkatastrophe von gewaltigem Ausmass

Der Bergsturz dauerte lediglich ein paar Minuten. Dabei lösten sich rund 30–40 Millionen qm Gestein. Die abgleitende Felsmasse war etwa 1700–2000 m lang, mehrere hundert Meter breit und maximal bis zu 80 m dick. Das Ablagerungsgebiet im Talgrund machte davon etwa 4 km2 aus.

Die stürzende Gesteinsmasse verhielt sich ähnlich wie beim Ausschütten eines Zementsackes und teilte sich im unteren Sturzgebiet in 4 Ströme. Bilanz der Katastrophe waren rund 500 Tote. Die Siedlungen Goldau, Röthen und Teile von Buosingen wurden unter einer 10–50 m mächtigen Schuttschicht begraben. Die Westgrenze des Lauerzersees wurde verschoben, zudem gab es eine Flutwelle, die mehrere Opfer forderte. Am Gegenhang an der Rigi-Nordflanke schlugen die Trümmer bis auf knapp 600 m ü. M. hinauf.

Der Rossberg - Goldauer Bergsturz; ©

Goldauer Bergsturz

An der Abrisswand des Goldauer Bergsturzes lässt sich eine auffallende Bänderung und Schichtung der Gesteine beobachten. Dicke, bis 30 Meter hohe, schwer verwitterbare Nagelfluhschichten wechseln mit wenige Meter dicken und leichter verwitterbaren Sandstein- und Mergellagen ab. Schaut man sich die Nagelfluh aus nächster Nähe an, sehen wir, dass sie sich aus vielen runden Bachsteinen zusammensetzt. Dies gibt uns den entscheidenden Hinweis auf ihre Entstehung.

Rossberger Nagelfluh

Diese Gesteine wurden vor 25 Mio. Jahren als Geschiebe aus den im Aufbau begriffenen Alpen auf einem flachen Schuttfächer abgelagert und später verfestigt. Dabei entstand aus grobem Bachgeröll und Kiesfrachten die Nagelfluh. Sande verfestigten sich zu Sandstein und aus feinem Schlamm wurde Mergel. In diesen Geschiebelagen wurden auch jene pflanzlichen und tierischen Reste und Spuren eingelagert, die wir heute als Fossilien wiederfinden können.

Aus heutiger Perspektive betrachtet kam der Goldauer Bergsturz weder unerwartet noch aus heiterem Himmel. Wie Albert Heim in seinem sehr aufschlussreichen und heute noch lesenswerten Werk «Bergsturz und Menschenleben» schildert, waren schon 30 Jahre vor dem Niedergang einzelne Bewohner des Gebietes überzeugt, dass vom Rossberg eine grosse Gefahr ausging. Konkrete Vorzeichen für eine sich anbahnende Katastrophe mehrten sich in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts. Hirten und Holzhauer beobachteten damals am Rossberghang tiefe Risse im Boden, die mit Wasser gefüllt waren und sich von Tag zu Tag erweiterten. Wiederholt war aus dem Wald ein Knallen zu hören. Dieses Geräusch entstand dadurch, dass über Spalten gespannte Wurzeln zerrissen. Dramatisch wurde dann die Lage am 2. September 1806. Nach einer langen Regenperiode lösten sich bereits während des Tages Felsblöcke und rollten den Hang hinunter. In den Wäldern krachte es andauernd und vereinzelt erhoben sich Staubwolken aus dem Gelände bis schliesslich gegen 17 Uhr der ganze Hang ins Rutschen geriet und niederging.

Bergsturz-Schema: EntstehungBergsturz-Schema: SpaltenbildungBergsturz-Schema: Der Fels löst sich am Rossberg

v.l.n.r.: Neben dem Aufbau der Gesteine liegt ein weiterer Schlüssel zur Entstehung des Bergsturzes bei den Eiszeiten. Ein Seitenarm des Reuss-Gletschers hatte das Tal ausgeweitet und dabei die unteren Teile der schräg gestellten Gesteinsschichten abgetragen. Die höher gelegenen Schichten blieben so ohne stützenden Fuss stehen. / Ohne das Widerlager der unteren Schichten wurden die oberen Felspartien nur noch durch Reibung am Hang gehalten. / Im Laufe der Jahre bildeten sich in den Gesteinen Klüfte, durch die Wasser in die darunter liegenden Mergelschichten eindringen konnte und den Mergel allmählich aufzuweichen begann.Nach einiger Zeit wurde die Mergelschicht derart weich, dass sie wie eine Rutschbahn für die darüber liegenden Gesteinsschichten war. Schliesslich rutschen in einer regenreichen Periode die Felsmassen ab und stürzen als Bergsturz ins Tal.

>> Bergsturzgebiet Goldau: Drohnenflug
>> Als der Berg auf das Dorf stürzte: 10vor10

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Mai15

Luftbild auf den bereits bestehenden Bergsturz westlich von Preonzo im Tessin.Oberhalb des Dorfes Preonzo im Tessin bewegt sich der Berg. Ein neuer Bergsturz bahnt sich an. Da wo schon 2002 150000 Kubikmeter Geröll ins Tal donnerten, bewegte sich in der Nacht vom Sonntag auf den Montag der Fels 4 cm pro Stunde – jede Schnecke wäre schneller – aber für eine Gesteinsmasse ist das enorm, um nicht zu sagen bedrohlich schnell. Im Falle eines Bergsturzes würde je nach Ausmass ein Industriegebiet getroffen, das bereits evakuiert ist und durch einen Erddamm geschützt wird. Bis zu 200000 Kubikmeter könnte dieser aufhalten, sollte sich mehr Gestein lösen, kann auch dieser Damm nicht mehr viel ausrichten. Preonzo liegt etwa 10 Kilometer nördlich von Bellinzona.

Felsstürze gab und gibt es in der Schweiz immer wieder. Aus historischen Zeiten kennt man den Flimser Bergsturz, der Goldauer und Elmer Bergsturz ist schon deutlich jünger und an den Bergsturz von Randa können sich viele von uns noch erinnern. Auch in diesem Fall dürften starke Regenfälle der Auslöser sein für die erhöhte Aktivität, wie vor gut 200 Jahren in Goldau.

Kleinere Rutschungen gibt es immer wieder. Und mit dem tauenden Permafrost in den höheren Lagen ist auch in Zukunft mit weiteren ähnlichen Meldungen zu rechnen.

Ob, wann und wie viel Gestein sich löst, werden wir in den nächsten Stunden und Tagen sehen.

Sind heute Bergstürze häufiger als früher?

Nachtrag Dienstagmorgen: Es handelte sich tatsächlich nur noch um Stunden; in der Nacht auf heute haben sich in zwei grösseren Portionen rund 600000 Kubikmeter Gestein gelöst. Das bedrohte Industriegebiet wurde dabei sogar verschont.

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Dez13

Sedimente der helvetischen Decken im Skigebiet Engelberg-TitlisNächstes Wochenende gastiert der Skisprung-Weltcup in Engelberg. Das Dorf liegt in einem weiten Hochtal auf 1000 Meter über Meer. Zum Ende der letzten Eiszeit ereignete sich vom Titlis ein grosser Felssturz, der den Talausgang verstopfte. Die Bergsturzmasse und die Sedimente, die sich im entstandenen Stausee ablagerten, bilden den heutigen Talboden.

Die Gemeinde liegt am Nordrand der Alpen in den Helvetischen Decken, die ihren Ursprung in der nördlichen Tethys im Mesozoikum haben. Die mächtigen Kalk- und Mergelpakete, die wir heute sehen, entstanden durch Überschiebung während der Alpenfaltung. Die südlich des Aarmassivs abgelagerten Sedimentschichten wurden als Pakete nach Norden über das Aarmassiv geschoben.

Nun, bei genügend Schnee werden Sie von den Gesteinen vermutlich nicht viel sehen, aber vielleicht fahren Sie ja auch im Sommer mal nach Engelberg.

Hätten Sie den Mut, von einer Skisprungschanze zu springen, so wie Simon Ammann und Co?

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Sep06

Blick auf die Abrissstelle und den Schuttkegel des Bergsturzes in Elm, 1881Immer wieder hört und liest man von einstürzenden Minen, die unsachgemäss betrieben werden. Das gab es auch in der Schweiz – mit fatalen Folgen.

Im Sernftal (GL) wurde im 19. Jahrhundert mit dem Schieferabbau begonnen; am Tschingelberg bei Elm seit 1868. Dabei gab es immer wieder kleinere Unfälle. Am 11. September 1881 aber kam es zur grossen >> Katastrophe. Der unsachgemässe Tagbau führte zum Einsturz der höher liegenden Gesteinsschichten. 114 Menschen fanden unter den schwarzen Felsmassen des Bergsturzes ihren Tod.

Eingang zur Schiefertafelfabrik in Elm (GL) an der SandgasseDer Elmer Schiefer eignete sich gut für Schultafeln und Griffel. Das Schieferhandwerk ermöglichte den Menschen in diesem abgeschiedenen Tal ein gewisses Einkommen. Die frühere >> Schiefertafelfabrik hinter der Kirche wurde in ein Museum umgewandelt, in dem das alte Handwerk wieder auflebt.

Das Ereignis ebenfalls nochmals aufleben lässt Franz Hohler in seiner >> Novelle «Die Steinflut».

Besitzen Sie noch eine Schiefertafel?

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Aug09

Fallätsche - Erosionstrichter am Rande der Stadt ZürichAm nächsten Samstag findet die 20. Street Parade in Zürich statt. Wenn sich wieder über eine halbe Million Raver tanzend um’s Seebecken bewegen, dann hallen die Bässe von der steilen Felswand im Südwesten der Stadt wider.

Die Fallätsche ist ein Erosionstrichter im Albisgrat südlich des Zürcher Hausberges Üetliberg. Die Steilwand entstand bereits am Ende der letzten Eiszeit, als sich der Linthgletscher zurückzog. Die Erosion setzt seither die Oberkante der Albiskette an dieser Stelle immer weiter nach Westen zurück. Der letzte grössere «Bergsturz» fand 2004 statt.

An der Fallätsche sind über 300 Meter Molassesedimente aufgeschlossen – selbst wenn sie immer mehr einwachsen. Die Molasse-Abfolge besteht aus vielen Wechseln von horizontal liegenden Mergel-, Sandstein-, Kalk- und Nagelfluhschichten. Erwähnenswert ist u.a. eine wenige Zentimeter mächtige Bentonitschicht mit grossflächiger Verbreitung. Der quellfähige Bentonit entsteht durch Verwitterung von vulkanischer Asche, die mit dem Wind über eine grosse Fläche verteilt wurde.

Am Fuss der Abfolge liegt ein Horizont aus bituminösem Mergel – diese «Stinkkalke» haben mich als Kind auf einer Exkursion einst sehr beeindruckt. Zerschlägt man die Stinkkalke, stinken sie nach Petrol, da sie viel organische Substanz enthalten. Zum Glück stinken die Abgase der Love-Mobiles deutlich weniger.

Was machen Sie am Samstag: Gehen Sie an die Street Parade tanzen oder wandern Sie durch die Fallätsche?

 

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Feb01

Drei Jahre lang hat es sehr viel geregnet – dann kam der Berg. Es war gegen Abend am 2. September 1806, als sich am Rossberg über Goldau eine grosse Nagelfluhschicht löste und ins Tal donnerte.

Anders als vom Flimser Bergsturz gibt es von diesem Ereignis sehr genaue >> Informationen. So wissen wir zum Beispiel, dass 457 Menschen starben und 323 Nutztiere getötet wurden. Egal ob wir auf der Autobahn vorbeifahren oder am Bahnhof umsteigen, das Abrissgebiet am Rossberg ist auch heute noch gut erkennbar. (>> Vorbeiflug mit Ju-52)


Wie ist es zu dieser Katastrophe gekommen?

Der Rossberg besteht aus einem Wechsel von Nagelfluh-, Sandstein- und Mergelschichten der Unteren Süsswassermolasse. Bei dieser Molasse handelt es sich um 30 bis 22 Millionen Jahre alte Ablagerungen in riesigen >> Schwemmebenen im Vorland der werdenden Alpen. Je nach Fliessgeschwindigkeit und Sedimentfracht lagerten sich Kiesschichten oder Sand- und Tonschichten ab. Verlagerte sich ein Flussarm, entstand im alten mit Kies gefüllten Flusslauf zum Beispiel eine feinkörnigere Lage. Vor gut 10 Millionen Jahren dann wurden diese weitläufigen Schichten im Rahmen der Alpenfaltung gestaucht, übereinander geschoben und schräg gestellt. Während den Eiszeiten verloren die obersten Nagelfluhschichten oberhalb Goldau durch Erosion ihren Fuss.

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Jan25

RheinschluchtStellen Sie sich vor, eine riesige Masse von etwa 12 Kubikkilometer Gestein stürzt unter lautem Gerumpel und Getöse in die Tiefe! Das muss ein eindrückliches Ereignis gewesen sein, aber auch die Überreste und Spuren davon sind es noch.

Die Rede ist heute vom Flimser Bergsturz und der Rheinschlucht.

Es war am Ende der letzten Eiszeit vor rund 10000 Jahren; der Rheingletscher zog sich langsam aus dem Vorderrheintal zurück, der Eis-Druck auf die Berghänge nahm ab, der Permafrost taute und an einer Flanke im Norden zwischen Flimserstein und Piz Grisch gerieten riesige Kalksteinmassen in Bewegung. Der Flimser Bergsturz gilt als grösster Bergsturz im gesamten Alpenraum. Noch heute sind die hellen Bergsturzablagerungen auf einer Fläche von mehr als 50 km2 zu finden.

Rheinschlucht, VogelperspektiveErst bildete sich in der Gegend um Ilanz ein grosser See. Im Laufe der Zeit hat sich der Vorderrhein in die Kalksteinmassen eingefressen und die uns wohlbekannte >>Rheinschlucht geschaffen, wodurch auch der See wieder ausgeflossen ist. Eine Zugfahrt durch die zahlreichen Windungen der Schlucht, die nach jeder Kurve, nach jedem Tunnel den Blick frei gibt auf eine atemberaubende Landschaft aus weissem Kalkstein, ist nicht nur für Touristen attraktiv.

Das enorme Gewicht der Gesteinsmasse sorgte dafür, dass am heutigen Talboden die Schuttmasse wieder „steinhart“ ist. Oben bei Flims sind die Kalke weniger gut verbacken. Weite Bereiche sind bewaldet, da sich der Untergrund für Landwirtschaft nicht eignet.

Was meinen Sie, ist die Bezeichnung “Grand Canyon der Schweiz” berechtigt?

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